Holländische Liebhabereien


Holländische Liebhabereien - eine Erzählung von Achim von Arnim aus dem Jahre 1826

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Hemkengriper blieb in mancher Bedrängnis zurück. Die Täflein hatten ihm einen Blick in ein weibliches Herz gegönnt, das er sonst nur aus den erotischen Schriften der Alten kannte. Es war ihm verwunderlich, daß sich diese Primula an dem Fleiße und Fortkommen eines jungen unbedeutenden Burschen jahrelang erfreute, so ein Wesen hätte in seinen Kram, in sein Haus gepaßt, und die längst aufgegebenen Heiratsgedanken kehrten zurück.
Er wünschte sich statt Jan in die Dule zu treten und redete sich vor, es sei nur um den Schimpf zu sehen, mit welchem ihn die Anhänger Zahnebrekers empfangen würden, eigentlich hätte er aber Primula ganz unbemerkt sehen und belauschen mögen. Welcher Rat dafür bei den Alten?
Er dachte an Vertumnus und Pomona, fand den Kleiderschrank der Frau Bathseba offen und stand nach wenigen Minuten vollständig wie ein dienendes Frauenzimmer gekleidet, mit Haube und Strohhut vor dem Spiegel, ohne durch den Bart, den ihm die Natur versagt hatte, irgend verraten zu werden. Auch konnte er ganz gewiß sein, daß bei dem Andrange vieler Leute aus der Umgegend, die in der Dule den Abgang der Treckschuten abends erwarteten, ihm niemand besondere Aufmerksamkeit widmen, niemand die Verkleidung entdecken werde. Nur eine Sorge plagte ihn, ob er die wichtige Handschrift, welche Jan ihm hatte abschreiben müssen, in dem Hause zurücklassen oder mit sich herumtragen solle, sie gegen unglückliche Zufälle zu schützen.
Endlich fand er eine glückliche Auskunft: da er nicht wie Bathseba drei wollene Latze und Unterkleider trug, so band er diesen Schatz wie eine Geldkatze um seinen Leib. Dann schrieb er einen Zettel an Bathseba, daß sie dem Griechen das Zimmer von Jan einräumen möge, ein notwendiges Geschäft werde vielleicht Anlaß geben, dass er erst spät nach Hause komme.

Mit einigem Herzklopfen betrat Hemkengriper den Ort, wo er sonst mit so vielem Glanze auf der Herkules-Linde war verehrt worden. Es waren nämlich zur doppelten Benutzung des beschränkten Gartenraumes auf den Linden Bühnen erbaut, wo ein Teil der Gäste sich abgesondert erlustigen konnte, während die Räume unter den Linden jedem geöffnet waren. Hier unten standen die Statuen, die ein Schiffer als Ballast von Athen mitgenommen und hier für eine schuldige Zeche abgesetzt hatte. Hemkengriper selbst hatte die Götternamen dieser alten Statuen ausgemittelt, sie dienten statt einer Nummer, und niemand lachte mehr, als eine Aufwärterin rief:
Diana will eine Tabakspfeife, Venus gebratene Tauben, Psyche ein Feuerbecken.
Und diese Aufwärterin, die so schön und rasch aufgewachsen, wer war es anders als Primula, die er sonst kaum eines Blickes gewürdigt hatte. Ihre Mutter, die alte Agnes, brummte sie auf diese Bestellungen verdrießlich an:
Psyche kann warten, mit der Venus wird es noch Zeit haben, bring nur der Diana die Pfeife.
Bald geschah ein Aufschreien, ein Auslachen, die Alte hatte alles belauscht und brummte vor sich. Sie hat dem reichen Tuchmacher eins abgegeben, weil er ihr einen Kuß aufheften wollte. Dummes Zeug! Da wird sie von niemand ein Geschenk erhalten. Was ihr nur so ein Kuß für Schaden tun kann? Sie hat keine Ader von mir, das Kind ist mir ausgetauscht. Die Ohrfeigen fallen ihr in die Hand wie überreife Birnen. Was ist die Folge? Der Herr wird uns den Abschied geben. Sie denkt nur an ihre Tulpen und an ihre Störche, und ich weiß nicht, woran sie sonst noch denkt.

Ein alter würdiger Herr Bilderdik aus Amsterdam, in Samt prächtig gekleidet, und ein junger Mann, ein Schauspieler, der Brandan hieß und dessen er sich wohl erinnerte, nahmen jetzt seine Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie an der andern Seite der dichten Lindenhecke sich heimlich besprachen, ohne dass sie seine Nähe bemerkten. Also Ihren Handschlag darauf, sagte der Alte, Sie sagen niemand von dem unerwartet hier gefundenen Schatze, durch den sich diese unsere Spielreise so reichlich bezahlt macht. Sie erhalten zwanzig Prozent vom Gewinn.
Es bedürfte dieses Versprechens nicht, sagte der junge Mann, nur die Erfüllung des von Ihnen mir schon Zugesagten, alle Ihre Bekanntschaft in der Stadt zur Auffindung des jungen Theaterdichters zu benutzen, der unsre Stadt entzückt, den Vondel stürzt. Wir müssen ihn als Direktor für unser Theater gewinnen, wenn er nicht zu vornehm ist, denn leider heißt es, er sei der Sohn eines reichen Edelmanns und sein Name sei nur angenommen, um die Ehre des seinen nicht den Launen des Volkes preiszugeben. Wir haben dazu noch manchen Tag, antwortete der Alte, heute müssen Sie mich mit der Gelehrtenwelt bekannt machen. Eine jämmerliche Welt, antwortete der junge Mann, mir wird eng ums Herz, wenn ich daran denke, wie ich hier unter den streitenden Hähnen nur einmal mitgefochten habe. Mit welchen Träumen von der Herrlichkeit alter Weisheit trat ich hier ein,
nicht die Worte, nicht die Gedanken allein, mein ganzes Wesen sollte ins Altertum hinüber leben, und die Alten sollten in mir auferstehen. Mit Staunen hörte ich die erste Zeit die beiden Sprachhelden Zahnebreker und Hemkengriper, denn ich dachte, nun wird es endlich kommen, endlich wird der Vorhang aufrollen. Aber immer blieb es bei den Kleinigkeiten, die jeder von ihnen entdeckt zu haben meinte, und dem andern abstritt, und selbst das Vorhandene ordentlich mitzuteilen, vergessen sie über diese gemeinen Klatschereien.
Der Zahnebreker war doch wenigstens wie ein böses Kind, offenherzig mit seinen Niederträchtigkeiten, und darum siegte er auch endlich bei den jungen Leuten, denen so etwas mehr zusagte als das Edeltun und die heimliche Tücke Hemkengripers. Zu meinem Unglück kam ich diesem näher, und da ich etwas bei den Studenten galt, schmeichelte er meinen Erstlingsversuchen mündlich, während er sie öffentlich durch seine Anhänger schänden ließ und des feigen Nachsprechens der Halbheit sicher sein konnte, da Zahnebreker sich meiner als Anhänger seines Gegners nicht annahm. Die Eltern meiner Braut kündigten mir jedes Verhältnis auf, meine Mutter war tief bekümmert, weil die Geistlichen mit Achselzucken von mir sprachen, Hemkengriper aber war um so freundlicher gegen mich, weil er sein Netz nun geschlossen zu haben und mich ungestört zu der Bearbeitung seines Wörterbuches eingefangen zu haben glaubte. Er ist reich, er machte mir Vorschüsse, und so war ich ihm, wie einem Seelenverkäufer, gesetzlich verpfändet und geistig hingegeben.
Da säße ich vielleicht noch und müßte Bände durchlaufen, um ein Wort zu entdecken in seltener Bedeutung, und mir wäre dieser Abraum als einzige Nahrung vom reichen Tische der Alten geblieben!
Doch der geheime Gott, Zufall von den Menschen genannt, wollte es, dass ein Matrose das Spiel eines Bösewichts im Schauspiele für Ernst nahm und ihn erstach, dass ich dem Direktor einige abgeschriebene Rollen vorgelesen hatte, dass er in der Verlegenheit auf mich fiel, dass ich die ersten Bösewichter mit Erfolg darstellte, indem ich bald Hemkengriper, bald Zahnebreker nachbildete, dass ich beklatscht wurde, ohne dass jemand die Originale erkannte. Das ist meine Geschichte, wie ich Schauspieler wurde, und seht da, eins meiner Vorbilder, den Zahnebreker, wie er mit seinen buschigen schwarzen Augenbraunen, die er schrecklich auf der gelben faltigen Stirne zusammengezogen, gleich Jupiter die Welt regiert und die Studenten von seinem Lindenthrone herab zu einem lateinischen Gassenhauer aufmuntert, den er vor langer Zeit verfertigte.
Seht nur den Eifer, ihm nahe zu sein, seinen Willen auszuführen. Hört nur in der Nähe, - da riß er wieder einen Witz, als ob er ihm eben eingefallen, den er regelmäßig anbringt, so oft neue Zuhörer kommen. - Ein schlimmes Völkchen, sagte der alte Herr, aber dies Gestreite mag die Leute doch anregen und fortrücken, wie das Gesumme auf unsrer Börse den Handel und Wandel.

Mit solcher Betrachtung schieden sie und ließen Hemkengriper in der seltsamen Lebensgefahr eines Basilisken zurück, der sein Bild zum erstenmal im Spiegel gesehen und aus Schrecken nicht einmal recht scharf hinzusehen gewagt hat. Aber bald hatte er sich gefaßt, er dachte, daß Brandan noch ein Mensch der Öffentlichkeit sei, obgleich kein Philologe, die Lust gegen ihn zu schreiben, erfüllte ihn mit einem Zittern, er sank in Ohnmacht vom Stuhle herab, und der Schriften-Ballen, aus den haltenden Bändern gedrängt, rollte unter den Röcken hervor.
Gott steh ihr bei in Kindesnöten! seufzte ein schwaches altes Mütterchen, aber die jüngere Tochter, die herbeigesprungen und die Schriften betastet, rief ihr tröstend zu: Nein, Mutter, das ist kein Kindlein, es ist ein Schreibebuch. Unterdessen war auch die alte Agnes herbeigehinkt und half den ohnmächtigen Hemkengriper in das Haus und auf das Bette der Tochter bringen. Ohne diese kleine Unordnung zu beachten, war jetzt Jan, nachdem er den Griechen bestellt hatte, in den Garten getreten und hatte, verwundert, wie er sich anders vom Storchneste ausgenommen, seinen Platz zufällig unter Zahnebrekers Bühne an einem Tische genommen, wo aus Gewohnheit sonst nur Studenten zu sitzen pflegen.
Sie spotteten in dem Kauderwelsch der Studentensprache über ihn, und die verstand er nicht, ebensowenig beachtete er ein paar spöttelnde Anfragen der Nachbarn, sondern beantwortete sie halb im Traume. Denn wie ein berechneter Komet dennoch zur Verwunderung des Sternkundigen zum erstenmal durch den Nachthimmel leuchtet, so kam Primula auf Zahnebrekers Ruf mit dem kristallenen Ehrenbecher voll rubinroten Weines sorgsam, dass nichts verschüttet werde, den Weg zu Jan dahergeschritten.
Sie ist es, rief es in seiner Brust, so träumte Icarus; und als sie näher trat, schien sie auch ihn zu erkennen, denn sie lispelte leise die ihm unverständlichen Worte: Jan, was wollt ihr hier?
Dabei schien die Röte ihrer Wangen zu schwinden, der Deckel des Kristallglases bebte, sie schlug ihre Augen nieder, als blicke sie mit Andacht nach dem Weine, und mäßigte ihren Schritt, indem sie die andre Hand an den Deckel legte. So sorgsam stieg sie die Treppe hinan, und die Strahlen der sinkenden Sonne warfen den blutroten Schein des Weines auf Jan, der nur das durchschimmerte weiße Kleid und die zierlichen Füße in grünen Schuhen wahrnahm. Oben hörte er deutlich den Namen Primula von Zahnebreker aussprechen, er sah sie rasch vor seinen Scherzen die Treppe hinabeilen, sah, wie sie eine Stufe im Herabsteigen verfehlte, und doch, wie von einem Traum gefesselt, sprang er ihr zu spät zu Hilfe, als sie sich schon selbst durch einen glücklichen Griff nach dem Geländer gerettet hatte. Dennoch reichte er ihr die Hand, aber sie wagte nicht, diese liebe Hand anzunehmen, sondern sagte nur: Eure Hilfe kam diesmal zu spät, Jan, Ihr denkt wohl, ich bin so geschickt im Klettern wie Ihr, aber Euch wäre besser, Ihr säßet im Storchneste als hier.
Ein Ruf aus dem Tempel des Apollo nötigte sie fortzueilen, und Jan saß nicht lange im Nachsinnen, welche Gefahr ihm drohen könne, als es um ihn her schon unruhig wurde.

Ich gebe mein Ehrenwort, sagte einer, dieser junge freche Kerl ist der Secundus, welcher jetzt Famulus bei der Blindschleiche, beim Hemkengriper, ist, ich erkenne ihn an seinem Josephsrocke, es ist der Secundus, welcher die tückischen Artikel gegen unsern Meister verfaßt hat in dem Zeitungsblatte, unter andern, wie er einen Zettel vom Butterteller verloren, und dass darauf jene Ergänzungen des Aeschylus gestanden, die Zahnebreker entdeckte und womit er soviel Licht verbreitete. Dann machte er sich wieder lustig über das Lobgedicht, welches wir Zahnebreker überreicht.

Jan hörte wohl diese Anklage, aber er meinte gar nicht, dass es ihn angehe, da er von diesen boshaften Aufsätzen, die Hemkengriper unter seinem ihm angetauften Namen Secundus drucken lassen, nie ein Wort bei seiner Scheidung von der Welt vernommen hatte.
Ruiter, ein großer älterer Student, fand sich aber von seiner Heftigkeit berufen, geradezu vor Jan hinzutreten und ihn zu fragen: Steht sein Name auf dem Wisch gegen mein Lobgedicht, so will ich ihn zeichnen, dass er von jedermann an Galgen und Rad auf seiner Backe erkannt werden kann.
Der Mauerbrecher ist gespannt, rief einer, der Bösewicht muß gestürzt werden. Die Sündflut kommt, rief ein anderer, pereat Hemkengriper und sein ganzer saubrer Anhang!
Bei diesen Worten hatte Ruiter zwei Bierkrüge ergriffen und sie über Jan gestürzt. Was half es ihm, dass es vom Leydener Biere war, es verdarb ihm sein sauer erworbenes Ehrenkleid, das er dem Kleiderschranke Hemkengripers abverdient hatte, ein Kleid von seltsamer violetter Farbe, woran er zuerst erkannt worden.
Jener Schimpf, dieser Verdruß vereint hatten ihn viele Jahre zurückversetzt in die Gewohnheiten der Matrosen, mit denen er bei seinen Pflegeeltern verkehrte, und seine Hand mit dem Brotmesser bewaffnet, das er nach damaliger Gewohnheit in lederner Scheide in einer Seitentasche seiner Beinkleider trug.
Ruiter wurde durch diesen entschlossenen Griff von dem zweiten Bierschusse abgehalten, den er schon aufgelegt hatte, und zog zu seiner Sicherheit gleichfalls ein Messer, während die Freunde als kundige Vermittler solcher Zweikämpfe mit Jan besprachen, wie die Spitzen sollten abgebrochen werden von den Messern und wieviel jeder sollte vorstehen lassen von der Schneide. Jan aber lachte grimmig auf, warf sie mit schneller Wendung wie ein Bär die Rüden auf die Seite, stellte sich Ruiter gegenüber und rief: als er ihn begossen, habe er auch nicht bemessen, wieweit er naß werden sollte, es sei ihm aber eiskalt bis ans Herz gelaufen. Er breche kein Messer, wenn er es brauche, und so weit es in seines Feindes Herz reiche, wolle er es brauchen. Das fanden die Anwesenden gegen den Studentenbrauch, aber er lachte wieder und trieb sie und seinen Gegner aus einer Ecke der Lindenhalle in die andere, bis er sie alle hinausgefochten zu haben meinte. Aber hier an dem Eingange hatte er zwei entschlossene und gewandte Burschen übersehen, die, erst zurückgebeugt, seine Arme von hinten faßten, mit Tüchern umstrickten und geschickt auf dem Rücken zusammenzogen, ehe er ihnen etwas anhaben konnte. Hab manches Roß so niedergeworfen, rief der eine, will auch mit dir fertig werden, und schlug ihm mit einem Schemelbein das Messer aus der Hand. So fand sich Jan wehrlos seinen Feinden gegenüber, auch hätte sich Ruiter wohl noch an ihm gerächt, aber der eigne Blutverlust hatte ihn entwaffnet, und der Schrecken seiner Freunde über die tiefe Wunde wendete ihre Gedanken zum Beistande, sie führten ihn aus dem Gedränge, wo sich schon manche Stimme gegen die Studenten hören ließ, nach einem Keller, wo Bier gezapft wurde. Die übrigen fragten Zahnebreker, was zu tun sei bei der Wachsamkeit der grünen Schelme, denn so wurden die sechsunddreißig Wächter genannt. Zahnebreker riet, dass sie mit dem Schiffe abführen, das sich eben gefüllt hatte, um ihr Alibi zu beweisen, und so blieb Jan, wie ein gefesselter Prometheus, angebunden bei einer Linde zurück, von den zudringlichen Fliegen wegen des Bieraufgusses wie von Geiern umflogen und benagt, trotzig in seinem Herzen gegen alles Mißgeschick, das ihn noch treffen könne, ohne die kleinste Hoffnung eines guten Ausgangs.


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