| Holländische Liebhabereien - eine Erzählung von Achim von Arnim aus dem Jahre 1826 |
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Da nahte ihm Primula eilig, durch den Bericht eines Fremden ungewiß, wer schwerverwundet sei, und freudig überrascht, als sie Jan, ein paar leichte Armwunden abgerechnet, unverletzt wiedersah.Ich warnte Euch, sprach sie, aber Ihr wolltet nicht hören, ich hatte es gleich weg, daß Euch Zahnebreker als Feind erkannt hatte. Vielleicht hat es nichts auf sich, ich habe hier schon größere Unglücksfälle erlebt.
Ach, Primula, seufzte Jan, du bist mir nahe in Wirklichkeit und Wahrheit, alles andre mag ein Traum sein.
Primula heiße ich, das ist wahr, sagte sie, aber jetzt hütet Euch vor allem Wundfieber und falschen Träumen, Eure Wunden will ich verbinden und etwas gegen die Entzündung sprechen, was gewiß hilft.
Sie riß einen Streifen ihres Hemdes ab, sie brach einen Zweig, sie drückte unter Gemurmel den Zweig auf die Wunde, und er meinte etwas von den Versen zu hören, die Protea dem toten Icarus sang. Als sie die Wunden mit dem leinenen Streifen gebunden, glaubte er sich ganz geheilt, und doch war noch eine Wunde auf seiner Brust zu verbinden, welche sie jetzt erst wahrnahm und die gewiß seinem Leben ein Ende gemacht hätte, wenn der Hauptstoß nicht die eine der kleinen hölzernen Tafeln getroffen und gespalten hätte, die er statt der Störche jetzt unablässig auf seiner Brust trug.Sie nahm diese Tafeln ihm ab und sagte leise: Du sollst sie wiederhaben, jetzt kommen die Männer vom Gericht, sie würden unser liebes kleines Geheimnis verraten. Dann verband sie auch diese Wunde, während schon die drei Haltefeste ihn bei Rock und Weste gepackt hatten. Sie fragten, wer ihn verwundet habe?
Er antwortete, daß er es nicht wisse. Der eine der drei grünen Männer war unterdessen von Zahnebreker unterrichtet worden, dass dieser Verwundete zuerst das Messer gezogen habe, und inquirierte weiter, indem er zugleich der verbindenden Primula einen Kuß zu geben trachtete.
Aber Jan fuhr unsanft dazwischen, und jener, ergrimmt, sprach von beleidigter Obrigkeit und vom Brummstall, wo er solle beten lernen.
Es ist mein Bräutigam, entgegnete Primula, darum ist es recht, dass er für meine Ehre sorgt, und ich bin eine Bürgerstochter und will gut für ihn sagen.Geld her! Da in der Tasche sind zehn eingenähte Gulden, das andre Geld gehört dem Herrn.
Wenn's nicht dreihundert sind, so haben wir keine Sicherheit, denn dieser Mensch ist ein Rebell gegen die Obrigkeit, hat sich an uns vergriffen, fort, marsch ins Stadtgefängnis.
Nur ein Blick war noch vergönnt, da zogen sie fort mit ihm und der ganze Schwarm der Neugierigen ihm nach. Primula blieb einsam zurück mit den beiden Musikanten, welche die Zeit der Verwirrung benutzten, das Bezahlte und Ungenossene sich anzueignen. Sie störte die beiden armen Seelen nicht, sondern weinte aus tiefstem Herzen im Dunkel der verödeten Laubhalle, und horchte nach den Störchen, die eifrig klapperten, als ob sie ihre Teilnahme für beide Pfleger ausdrücken wollten.
Trostlos warf sie sich in der Laube auf ihre Kniee nieder, nicht vor dem Götterbilde, denn es war in Nacht verhüllt, sondern vor dem Unsichtbaren, dessen alles Sichtbare bedarf. Schon fühlte sie sich stärker, als die Musiker, um ihren Dank abzustatten für das unbezahlte Mahl, mit ihrer Geige und Pfeife ein Abendlied anstimmten. Die gottlose Musik, rief sie in ihrer Not, schringt wie scharfer Essig in der Wunde, Höllenmusik, Lügenmusik! Wenn einem ohnehin wohl ums Herz ist, da tut sie mit uns schön, verspricht sichern Trost für jeden künftigen Jammer, und kommt dieser nun wie ein Feind über Nacht, so ist sie mit ihm einverstanden, das Herz zu zerreißen und die Gedanken zu verwirren. So ist es aber mit allen unsern Künsten, setzen wir hinzu, Kinder der Dämmerung sind sie, weder der helle Mittag noch die schwarze Mitternacht können sie bewahren, dennoch hat jeder Tag und jedes Leben seinen Morgen, seinen Abend, wo sie gelten. Fort mit euch, rief sie endlich, es ist zu spät, und auf ihren Wink fuhren die beiden Kläffer, Mopsulus und Spizilus, wie sie Zahnebreker getauft hatte, auf das pfeifende Binsenlicht und auf den geigenden Schwamm, so dass beide, mit ihren musikalischen Werkzeugen bewehrt, ihren Rückzug nicht ohne Gefecht zustande brachten. Dann fuhr Primula fast unbewußt der Bahn ihrer Töne nach, wie eine Blinde, und es kamen Worte aus ihrem Herzen, die wir uns deuten wollen:
| Wann wird die Nacht mir enden, Wann werd ich wieder wach, Wann trägt auf goldnen Händen Auch mich ein lichter Tag? Es ist des Herrn Wille Auch dieser schwere Traum Er ruft mich in der Stille, Er füllt den leeren Raum. Nun ich auf meinen Knien Zu dir, o Herr, gefleht, In meiner Tränen Glühen Hat Hoffnung mich umweht. Ich sehe Blitze leuchten Durch diese schwüle Luft, Die wen'gen Tropfen feuchten Des Herzens dürre Gruft. Es fühlt sich neu belebet Bei diesem hellen Schein, Ein Engel es umschwebet, Und führt mich zu dir ein, Er führt auf schmaler Brücke Mich übern tiefen Schlund, Er öffnet meine Blicke Und schließet mir den Mund. Oh, könnt, ich ewig beten Zu dir, o Herr, im Geist, Da würd' auch ich betreten Dies Land, das sich mir weist. Doch ich werd' fortgetrieben, Ich dien' für Menschenspott, Dein Trostwort nur ist blieben: Dien' treu, so dienst du Gott! |
Lieb' ihn, so liebst du Gott, hilf ihm, so hilft dir Gott! fügte sie leiser hinzu, aber die Stimme der Mutter rief gebietend: Primula! Sie sprang auf, und jene Worte verwandelten sich in ein: Hilf dir, so hilft dir Gott!
Mit dem Worte war ihr geholfen. Ihr Antlitz erheiterte sich, ihr Geist war frei und jeder Tätigkeit bereit, sie sprang wie ein Hirsch über umgeworfene Stühle und Bänke, um rasch dem Rufe der Mutter zu folgen, und diese hielt die im Haar ihrer Wangen noch schwebenden Tränen für die Folge eines flüchtigen Regenschauers, der in Holland so gewöhnlich, und sagte: Es ist doch keine Stunde ohne Regen, geh, Primula, recht schnell auf den Boden, da hängt Kamillenblüte und Holunder, wir wollen der armen Frau daraus einen Aufguß kochen.
Primula verrichtete das in Eile und flößte auch dem halbohnmächtigen Hemkengriper eine Tasse dieses Aufgusses nachher ein. Die Besinnung kehrte ihm zurück, das antike Antlitz der Schönen, die neben ihm stand, mochte ihn an einen Vers der Ilias erinnern, wenigstens war sein erstes Wort der griechische Vers:
Weh mir, ein großes Wunder erblick' ich dort mit den Augen.
Das Weib redet irre, sagte die Mutter, und Hemkengriper fuhr fort:
Nimmer ja hoff' ich deiner Hand zu entfliehen, nachdem mich genähert ein Dämon.
Sie spricht von Damon, meinte die Mutter, das ist ein Schäfer in Vondels Schäferspielen. Primula aber meinte, es klinge gerade wie das kauderwelsche Zeug, womit Zahnebreker sie anschreie und worüber die Studenten so entsetzlich lachten. Daraus siehst du, sagte die Mutter, dass die Narrheit bei gelehrten und ungelehrten Leuten von einerlei Art, und dann fragte sie die Kranke, die ihr lästig wurde, wo sie zu Hause, der Hausknecht solle sie dahin führen zu besserer Pflege. Aber Hemkengripers List stellte sich kränker an, als er eigentlich war, um nicht fortgeführt zu werden. Er befand sich eigentlich ganz hergestellt, überdachte, was zu tun, wandte sich auf die Mauerseite, dass ihn die Alte nicht erkenne, während er ihr ein paar Gulden reichte, wodurch überflüssig alle Mühe belohnt war, die sie gehabt und noch haben konnte. Die alte Agnes freute sich der reichlichen Gabe, winkte der Tochter, sagte ihr, dass dies nach ihrem Geschenke eine angesehene Frau sein müsse, versprach der Tochter eine Kleinigkeit, wenn sie die Kranke wohl versorge und bewache, kümmerte sich auch wenig um das grämliche Gesicht der Tochter, die ihr reinliches, selbst erworbenes Bette der vom Falle beschmutzten Fremden überlassen und wachen sollte, sondern schärfte ihr im Weggehen die Sorge für die Kranke nochmals ein.Primula war zu gutmütig, um lange auf die Kranke erzürnt zu sein, bald wehrte sie den Fliegen, dass sie sich nicht auf Hemkengriper setzten, während sie die Silberspangen ihres Kopfschmuckes löste und ihre Haare frisch zusammenflocht. Sie ahndete nicht, in welchen Kampf sie Hemkengriper stürzte mit jeder reizenden Bewegung, die über ihn hingebeugt seine halbgeöffneten Augen zum Sehen zwang. Nur die Rücksicht auf sein Manuskript, das er noch zu besitzen glaubte, hielt ihn davon ab, ihr um den Hals zu fallen, aber das nahm er sich vor, bei der künftigen Herausgabe ihr Bild als Minerva vorstechen zu lassen. Wirklich lebte er in derselben Täuschung, die öfter in Gesellschaftsspielen gegen Unkundige benutzt wird, indem man ihnen einbildet, ein Geldstück durch festes Andrücken auf die Stirn so befestigen zu können, dass sie es mit keiner Bewegung abzuschütteln vermochten.
Vergebens zerrensie mit den Gesichtsmuskeln, und doch ist ihnen nur der feste Eindruck geblieben. So fühlte auch Hemkengriper den Druck der Schnallen noch immer, womit die Handschrift befestigt war, nachdem sie längst entfallen, machte aber keine Versuche sie abzuschütteln, sondern machte vielmehr keine Bewegung, um sie ungefährdet zu erhalten, und bekämpfte auf diesem Wege alle böse Teufel, die ihn aus Primulas schönen Augen lockten. Endlich wurden die Fliegen müde, und ihr fiel ein, dass sie in der Unruhe dieses Abends ihren kleinen Blumengarten zu begießen vergessen habe. Schnell griff sie nach ihrer Gießkanne, füllte sie am Brunnen und übergoß die Blumen aus fein gelöcherter Brause wie mit Nachttau, während der Vollmond ihr vorleuchtete und ein Feuerwurm wie ein strahlendes Sternbild sich auf ihr Haupt niedergelassen hatte.Aus einem nahen Bürgerhause klang die heitere Musik eines Abendtanzes, als ob ihr ein Ständchen gebracht würde zum Hochzeitsfeste mit Jan, denn in diesen Gedanken war ihre Sorge um ihn untergegangen.
Da erschallte aus einer der Götterlauben eine Baßstimme. Es war Brandan, der da seines Begleiters harrte und eine Blumenidylle vortrug und sich am Widerhalle eines Giebels ergötzte, der wohl nicht zu diesem Zwecke erbaut war, aber gewiß keinen besser erfüllte und alle Reime recht deutlich ihm nachzählte.
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