| Holländische Liebhabereien - eine Erzählung von Achim von Arnim aus dem Jahre 1826 |
| Holländische Liebhabereien | Teil 6 | Impressum |
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Kaum war die Mutter eingetreten, so eilte Primula mit dem blanken Milcheimer zum Stalle und zum täglichen Geschäfte, wo sie der Störungen dieser Nacht fast vergaß. Erst nach ein paar Stunden kam sie wieder in das Zimmer zurück und brachte die Morgensuppe. Die Fremde fand sie schreibend, während die Mutter feierlich auf sie zutrat, ihre Hand ergriff und sie in die nicht schreibende Hand der Fremden legte.
Seid hiermit verlobt, rief die Mutter, und mein Fluch dir, wenn du meinem Willen widersprichst, mein Segen, wenn du den Mann beglückst, wie er es verdient.Ein Mann diese Frau? stammelte Primula. Nun ja, antwortete die Alte, es hat jeder Mann so seine Seltsamkeiten, dieser reiche Herr Professor Hemkengriper, welcher unser Haus sonst täglich besuchte, wurde hier von seinem Erbfeinde vertrieben, dennoch kam er verkleidet, um zu sehen, wie du emporgewachsen. Halt dich gerade, du hast mehr Glück als Verstand, er will dich zur Frau Professorn machen, und das ist viel. Also reiche ihm in Gutem die Hand, ihr seid verlobt. Primula weigerte sich nicht, sie glaubte zu bemerken, was die Mutter wolle, wies mit dem einen Finger auf ihre Stirn, nickte und lachte, dann sagte sie heiter:
Nun, meinetwegen, schöner Herr Bräutigam, aber Sie müssen sich nur nicht überstudieren.
Hemkengriper legte die Papiere zusammen, seine ersten Erinnerungen aus dem verlornen Hefte, schwor Treue und Ergebenheit und steckte einen Ring an den Finger ihrer Hand, die er zärtlich küßte, und empfahl sich bis zur nahen Wiederkehr ihrer Liebe. Alles drängte ihn zur Eile, und die Mutter verbot Primula, ihn nicht durch den Hausknecht begleiten zu lassen, wie diese heimlich in Vorschlag brachte, denn der Herr sei bei vollem Verstande.
Hemkengriper fand bei seiner Heimkehr, die er ohne Störung vollbrachte, die alte Bathseba in Tränen. Er meinte wegen seines Ausbleibens, aber sie klagte nur, dass Jan wegen eines Mordes verhaftet sei und mit dem Leben büßen müsse. Da wäre alles verloren, rief Hemkengriper, ohne ihn würde ich mich nicht der Hälfte von dem erinnern, was ich ihm diktierte. In Eile ließ er sich umkleiden und eilte zu dem Bürgermeister der Stadt, der ihn feierlich empfing und mit einer zierlichen Rede begrüßte, ihm aber wenig Hoffnung für Jan geben konnte. Der Schwerverwundete ist ein Sohn von Ruiter Straaten und Compagnie, mütterlicherseits ein Enkel von Dedem Vater und Sohn in Amsterdam, und der Jan hat nie einen Vater oder Mutter gehabt, er ist kein akademischer Bürger, er wird der Stadt zur Last fallen mit seiner Hinrichtung. Könnt ihr ihm eine Matrikel schaffen, so ist er gerettet, so gilt es für einen kleinen Exzeß, und ihr sparet der Stadt große Unkosten.Er ist Student, schrie Hemkengriper, ich gebe mein Wort, ich habe ihn aufgenommen, und kein hiesiger Magistrat hat über ihn zu richten, ja, ich verklage die Stadt, dass sie seine Rechte gekränkt hat.
Volenti non fit injuria, antwortete der Bürgermeister; der junge Mann hat sich für einen Glaserburschen ausgegeben, so hat nicht anders mit ihm verfahren werden können. Hemkengriper eilte in das Gefängnis, wo Jan bleich und starr auf eine Schnur blickte, welche von einem Papierhefte herabhing.
Du sollst gehangen werden, armer Junge, rief Hemkengriper.
Wohl, antwortete Jan, so wird mir die Mühe gespart, und diese Schnur trägt mich ohnehin nicht.
In dieser Schnur schickte mir Elzevir meinen Icarus zurück und ließ mir sagen, nur wenn Ihr eine Vorrede dazu wollet geben, könne er das Werk drucken, ohne solche Empfehlungen werde er sich nicht einmal die Mähe nehmen es durchzulesen. Eine halbe Stunde war genug, um es hin und zurück zu senden, - und doch war meine Bürgschaft, meine Freiheit, mein Lebensruhm darauf begründet. - Vorrede, lateinische Lobgedichte, rief Hemkengriper, will ich hinzufügen, es ist ein köstliches Werk, selbst die Alten hatten nichts, was ihm zu vergleichen, und was wollen die neuen Schächer dagegen aufweisen?Hemkengriper fragte nun nach einer griechischen Emendation, und Jan wußte sie sogleich anzugeben.
Viktoria, rief Hemkengriper, ich befreie dich, aber mancherlei mußt du mir versprechen; du hilfst mir treulich in meiner Arbeit, das verlorene Werk herzustellen, denn nur der Himmel weiß, ob ich je diese große Arbeit von deiner Hand abgeschrieben wiederfinde, da ich wegen der Neider und literarischen Diebe den Verlust nicht einmal austrommeln, sondern nur verschwiegene Leute zur Nachforschung brauchen darf.
Jan hatte keine Zeit, sich zu besinnen, so herzstärkend kam ihm der Vorschlag, er war begeistert von Hemkengripers Güte. Aber noch eins, fuhr dieser fort, du mußt auch nicht heiraten, willst du ein großer Dichter werden. Das mußt du mir schwören, Jan, dann siehst du deinen Icarus bei Elzevir in Oktav auf feinstem Papier mit einem Titelkupfer gedruckt erscheinen, und ich selbst wähle eine schöne Antike zu diesem Titelkupfer aus, ja allenfalls auch eine Karte, um den Weg des Dädalus genau zu bezeichnen und die wahrscheinliche Lage der Meerhöhle. Ich lasse das Buch mit goldnem Schnitt in Pergament binden, worauf Lorbeerzweige eingepreßt sind.
Ob ich das erlebe? seufzte Jan und sah bei allem Leiden das Büchlein im Geiste vor sich stehen.
Aber alle Liebeleien mußt du lassen, fuhr Hemkengriper fort, Oder wenigstens ganz im Stillen treiben, für dich behalten und höchstens unter fremdem Namen in der Tragödie aushauchen.
Wohl, sagte Jan, das ist mein Geschick, ich brauche es nicht zu beschwören, es ist schon über mich gekommen. Meine Liebe bleibt einsam wie der Sonnenstrahl, denn der findet auch nicht seinesgleichen, der sich ihm nahen könne, sondern alle gehen immer weiter auseinander, je weiter sie von der Sonne, es war schön an der Sonne, und hier ist es finster und kalt, und ich weiß nun auch, was ein Gefängnis sei. Nur Mitleid errege ich, auch wenn ich frei werde; arm, verlassen, beschimpft, verfolgt, ohne meine Feinde zu kennen, welches Mädchen würde mich heiraten? Ich gehe zu Schiff, habt Ihr nichts Schwereres zu fordern, da ist mein Handschlag, dass ich nicht heirate, er kostet nichts, denn ich könnte ebenso leicht versprechen, dass ich nicht durch diese Wand springen wollte.
Wohl, sagte der Meister, du bist verständig geworden, dein Handschlag genügt mir, und ich eile zum Bürgermeister, deine Befreiung damit einzuleiten, dass ich dich in ein helles Gefängnis bringen lasse,
wo du meine Arbeiten ungestört fördern kannst.So schied er und dachte Jan für immer sich zugeeignet und von Primula getrennt zu haben. Denn daß diese jene Tafeln der Storchpost beantwortet hatte, war seinem kritischen Sinne gleich bei ihrem Namen eingefallen und hatte zu seinem Heiratsentschlusse beigetragen. Als er zum Bürgermeister eingelassen zu werden wünschte, war es wegen des Andrangs von Leuten nicht möglich, gleich durchzukommen, weswegen er noch ein Stündchen zu dem Griechen ging, um über ein erwartetes Manuskript zu sprechen, das zwar angekommen war, das aber dieser nicht zu öffnen wagte, bis es durch Essig gezogen, weil es aus verpesteter Gegend gesendet, während Hemkengriper diesen Essig als verderblich der Schrift durchaus verbot. Sie konnten sich nicht einigen, und Hemkengriper kehrte zum Bürgermeister zurück, der ihm zu seiner Verwunderung versicherte, dass Jan durch Bürgschaft eines ihm unbekannten Mädchens der Haft entlassen sei, auch wäre später die Nachricht eingegangen, dass die Wunden des Studenten keineswegs lebensgefährlich wären und dass nur der Blutverlust die Besorgnis beim ersten Verbande veranlaßt habe.
Welches Mädchen? dachte Hemkengriper. Vielleicht Bathseba? Sie hält viel auf ihn, er muß sie zum Dank heiraten, ich löse in Hinsicht ihrer sein Versprechen, so werde ich von ihren Vorwürfen bei meiner Heirat befreit.
Oder war es Primula? - Diese Frage quälte ihn, dass er zur Dule eilte, um sich kritisch aufzuklären.
Primula war es wirklich, die Jan befreit hatte. Kühnlich trat sie zum Hausherrn, erinnerte ihn daran, dass sie wohl so etwas vernommen, wie er ihren Tulpentopf versteigern wolle, und dass dieser etwas wert sei, er solle ihr dreihundert Gulden darauf vorstrecken, die sie als Bürgschaft für Jan brauche. Der Hausherr konnte ihr nichts abschlagen, sie hatte so ein eigen Wesen, wenn sie bat, und zudem griff sie ohne Umstände nach seiner Geldtasche und zählte sich das Geld auf, noch ehe er genehmigt hatte.
Dankbar dachte sie der Worte: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.
Täglich im Verkehr mit Leuten aller Art geübt, durchschnitt sie das Gedränge an des Bürgermeisters Tür wie eine Regentin, indem sie einem ihr wohlbekannten Biergast, einem Ratsdiener, zurief, dass er ihr gleich Platz machen solle. Oben kümmerte sie sich nicht lange um Anmeldung, sondern trat in das Zimmer des Bürgermeisters ein, während einhundert Menschen davor warteten. Schon wollte der Mann zürnen, aber ein Blick entwaffnete ihn, sie erzählte ihre Not, dass sie gestern nicht die dreihundert Gulden gehabt, um für ihren Bräutigam gutzusagen, nun sei sie aber damit versehen und zählte sie auf den Tisch. Der Bürgermeister wollte Umstände machen, es sei zu spät, aber sie drückte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund, dass er ihn küssen mußte und schweigen. Sie reichte ihm die eingetauchte Feder und Papier, sie führte ihm die Hand, dass er die Loslassung ausfertigte. Nun dachte er sie recht derb durchzuküssen als schuldige Gebühr, aber freundlich lächelnd entwandte sie sich mit den Worten:
Es hat Eile! Und ehe er noch antworten konnte, war sie längst aus seinem Bereich zur Tür hinausgeschritten.
So war Jan befreit, und nun saß sie mit ihm in größter Seligkeit auf der kleinen Bank im Blumengarten, ungestört den Störchen zuschauend, denn die Mutter war ausgegangen, um in Hemkengripers Hause ihre Rechte als künftige Schwiegermutter geltend zu machen.
Hemkengriper, als er die Dule erreichte, wurde am Eingange derselben von ganz anderer Sehnsucht festgehalten, als jene war, die ihn dahingetrieben hatte. Auf dem großen Hausflure war nämlich eine Zahl Menschen um einen grünen Tisch versammelt, auf welchem eine Tulpe in schlechtem irdenen Topfe stand, erhöht durch die Unterlage eines gehefteten Buches, erhellt durch ein Wachslicht, bei dessen Erlöschen nach Landesgebrauch der Zuschlag in Versteigerungen erfolgt. Ein Gerichtsherr verkündigte laut und langsam die Gebote der Umstehenden, denn eine Versteigerung wurde allerdings gehalten, während ein Gerichtsdiener mit weißem Stabe die Ordnung handhabte, wo sie durch Andrängen gestört wurde. Hemkengriper erkannte sein verlornes Heft an den roten Pergamentstreifen der Heftung als Unterlage des Topfes und langte unwillkürlich dahin, ohne in freudiger Überraschung daran zu denken, dass der Blumentopf, den er wie einen Briefbeschwerer abheben wollte, ein Gegenstand allgemeiner Neugierde und der Versteigerung sein könne. Als er ihn eben abheben wollte, um zu seinem Schatze zu gelangen, belehrte ihn ein derber Schlag des weißen Stabes, der auf seine Hand fiel, dass er die warnende Stimme des Gerichtsdieners nicht hätte überhören sollen. Hand weg! rief der Mann, mögt Ihr sein, wer Ihr wollt, das Gut steht unter Gewährleistung der Stadt in öffentlicher Versteigerung. Hemkengriper drohte und verlangte sein Eigentum zurück, aber der Richter verwies ihn zur Ruhe, bis die Versteigerung beendet, wo er dann seinen Einspruch machen könne. Bilderdik ließ so etwas verlauten von unredlichen Pfiffen, um die Liebhaber im Besitz zu stören, und die andern Mitbieter ließen so etwas von Hinauswerfen verlauten, weswegen sich Hemkengriper fügen mußte. Auch fand er sich geschmeichelt, dass schon über 20000 Pfund, wie er meinte, auf sein Manuskript geboten worden, und weil er nichts dabei zu verlieren meinte, trieb er den alten Herrn Bilderdik bis 50000 Pfund, wo dieser endlich die lang durchgefochtene Schlacht aufzugeben sich entschlossen zeigte. Schon wollte der Richter den Zuschlag mit dem Stadtschlüssel kundmachen, als der alte Herr wie ein geschickter Tänzer in seinem Davonlaufen umdrehte und noch tausend Pfund bot. Gewiß ein Zwischenhändler Zahnebrekers, dachte Hemkengriper, einer unsrer bekannten Gelehrten ist es nicht, und bot gleichgültig noch tausend.
Da lief der alte Herr davon wie ein Mann, der sich aus steigender Wassersnot rettete, ohne umsehen, denn seine Liebhaberei hatte solches Übergewicht über seinen Vorteil gewonnen, dass er es ganz vergaß, wieviel höher er den Blumenkurs zahlen mußte, je höher er die Blume trieb. Aber doch kehrte er zum Nachgebot um, als das Wachslicht erlosch und der Schlag des Hammers ertönte, und wandte sich ab mit dem Antlitze eines hoffnungslos Verdammten, während Hemkengriper nach dem Blumentopfe griff, um ihn vom Manuskripte abzuheben.
Aber ein neues Handweg! belehrte ihn, dass er erst sein Geld aufzahlen solle. Es ist mein Eigentum, das mir gestohlen, schrie er zornig. Kann sein, sprach der Richter kalt, aber erst zahlt zur Sicherheit Eures übermäßigen Gebots, nachher könnt ihr das Geld und das Erstandene mit Beschlag sichern.
Ich kann zahlen, Hemkengriper, und biete noch obenein zehn Dukaten als Geschenk, wenn Ihr mein Eigentum, so dass keiner hineinsieht, bis zu meiner Rückkehr bewahrt. Sonderbare Mißgunst der Liebhaber, sagte der Richter, als er fort war, aber für zehn Dukaten kann ich ihm schon den Gefallen tun, die Blumen zu verstecken. Zu diesem Behuf riß er aus dem Hefte einen Bogen und steckte ihn mit Nadeln um die Blumen fest. Ha, sagte der Richter dann, ich soll die Gesetze bewachen und begehe aus Übereilung selbst einen Frevel, doch ich will ihn ersetzen. Aus diesem hier gefundenen Hefte, das wahrscheinlich einem der Schläger gehörte und das zum Besten des Gerichts versteigert werden sollte, habe ich in Gedanken ein paar Blätter ausgerissen.Was wird geboten, wenn die Blätter noch drin wären? - Nichts, Herr, rief ein Student, es ist kein ordentliches Heft, es sind allerlei Schmiereleien, Anmerkungen, das kann niemand brauchen als sein Verfasser.
Es ist alles zu brauchen, antwortete der Butterhändler, es hat gutes Format, aber um den einen Bogen mehr oder weniger gebe ich keinen Stüber mehr. Die Handschrift Hemkengripers wurde zum Spott wie ein Ball kreuz und quer über den Tisch geworfen, und der Butterhändler bot ganz allein nach dem Gewichte, das seine Hand ermessen, acht Stüber. Brandan, der eben auch hinzugetreten, bot aus Scherz oder aus alter Liebhaberei an philologischer Anfängerei noch einen Stüber mehr und erhielt den Zuschlag ohne Einrede.
Er zahlte; der gewissenhafte Richter legte noch einen Stüber für das Ausgerissene hinzu, und so war das unsterbliche Werk für zehn Stüber verkauft und wurde von Brandan in einer Laube durchblättert, wo es ihm das Vergnügen gewährte, sich in alte Zeit zurückzuversetzen.
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