Holländische Liebhabereien


Holländische Liebhabereien - eine Erzählung von Achim von Arnim aus dem Jahre 1826

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Primula und Jan lernten unterdessen das Sprechen miteinander wie Kinder die Sprache, indem sie manche Frage einander öfter wiederholten und gar nicht merkten, dass es dieselbe sei, welche eben beantwortet worden.
Es war ihr erstes Gespräch, und solche Gespräche sind schwer nachzuschreiben, denn die Worte erscheinen nur als Begleitung, und zwar wie bei Pauken ist das meiste Pause, während die Augen als Duettsänger sich hervortaten und keins dem andern nachstehen wollte. Läppische Worte, was wollt ihr in solchen Stunden? Abgenutzte Kleider zu solchem hohen Feste! Und dennoch sehe ich das Blau des Himmels über ihnen, wie sie da im kleinen Blumengarten sitzen, neugierig von kleinen geflügelten Köpfen durchschaut, die schnell eine Laube von geflochtenen Strahlen über sie wie ein Netz gestrickt haben, sich auf den Knoten feststellen, unwillkürlich die Gebärden der Liebenden untereinander nachmachen, ihre Blicke abspiegeln und sich dabei noch seliger fühlen in ihrer Seligkeit. In solchem Anschaun vergessen sich zuweilen die Himmlischen und werden der Erde sichtbar.
Der kleine Blumengarten war der Mittelpunkt dieses Gespräches, denn Jan erzählte, wie er immer mit großer Sehnsucht nach demselben wie nach einem Sternenbeet geblickt, obgleich er die Gärtnerin nie darin gesehen habe. Das war aus Angst, sagte sie, Ihr möchtet herunterfallen vom Storchneste, dass ich mich versteckte und den Kopf noch mit einem Tuche umwickelte und nur auf Augenblicke hinsah. Ihr wäret gerade in meine Blumen gestürzt, und hätte mir das nicht leid tun sollen? Seht nur, fuhr sie fort, die Sonne ist heute recht brennend, wenn ich nur Papierschirme für meine Nelken hätte.
Jan, ohne sich zu grämen, zog seinen Icarus heraus, gab ihr die Bogen hin, dass sie Schirme daraus kniffen konnte, und machte ihr die geschickten Handgriffe so gut er konnte nach, um recht schnell die köstlichen großen Knospen gegen das Aufplatzen zu bewahren. Die Arbeit war zu Ende und der ganze Icarus verbraucht, als Primula einige Zeilen voll Liebe las, die aus den Papierschirmen gegen die Sonne blickten, es war die Sehnsucht des einsamen Icarus in seiner Werkstatt, wie sie die Muse beschrieb, und wie nun, als der Storch mit dem letzten Täflein kommt, sein Entschluß sich ermächtigt; eine Stelle von tiefer großer Bewegung, bei der die Deiche des Herzens auch jetzt wohl noch reißen.

Oh, rief sie, wenn ich wüßte, wer das geschrieben, den müßte ich küssen, der wäre mir noch lieber als Ihr, so lieb ich Euch habe. Nun Ihr wißt, dass ich Euch liebhabe, aber wie sag ich es, dies ist Seele von meiner Seele, das ist sichtbare Gestalt von dem Unsichtbaren, was sich uns nur selten und heimlich naht, und doch vielleicht unser eigen ist, oder einst wird. Jan, ich rede Unsinn, aber ich kann nicht anders, ich habe recht, wenn ich auch nichts Rechtes zu sagen weiß!

Jan aber richtete sich auf und glaubte erhöht in der Luft zu schweben, legte ihre Hände um seine Stirne und rief mit dem Gefühle eines von Kaisershand gekrönten Poeten:
Sieh, nun hab ich den Kranz, und meinen Augenblick hab ich gelebt und meine Blüte getragen, und ein Jenseit reifet als Frucht. Ich bin's, der solche Worte schrieb, und mich hast du gerühmt als einen Fremden, und dich habe ich durchdrungen mit der Seele in mir. Mag diese Schrift vergehen, kein Elzevir sie drucken, die Welt sie nicht ahnden, meine Kunst hat die Welt in einem Herzen erfüllt und diese Worte aus mir geboren, sind dir gefallen als williges Opfer und in dir auferstanden zu Tränen.

Was ist's? Wir haben uns im Geiste geküßt, und so soll uns dies Zeichen der Lippen nicht fehlen, nicht dies leise Bienengesumme im süßen Lebenskelche. Aber auch der Kranz soll nicht fehlen, da die Arme der Schönen sanft errötend niedersinken, rief Brandan und setzte den zusammengeflochtenen Zweig eines Lorbeers auf Jans Stirn, eifrig dann bemüht, die Schirme von den Nelken herabzuziehen, die Bogen zu sammeln und wieder zu ordnen.
Ich habe Euch belauscht, fuhr er fort, denn so muß ich als Schauspieler die Welt pflichtmäßig belauschen, und jedes Wort, was diese liebe Seele von den Papieren ablas, überzeugte mich, du nur könntest der Jan sein, von dessen Schauspielen ganz Amsterdam entzückt ist, den ich aufzusuchen hierher reiste, weil die Stücke von hier eingesandt werden, dem sich unser ganzes Schauspiel als seinem Schöpfer zu Füßen legt, der für jeden Preis der unsre werden muß, unser Führer gegen die Unnatur des Auslands, gegen diesen Wiedertäufer, gegen Vondel.
Jan Vos heiße ich, sagte Jan, obgleich ich hier unter dem Namen Secundus nur allzu bekannt bin, auch habe ich wohl Schauspiele geschrieben, die aber mein strenger Lehrer Hemkengriper, ich möchte sagen vor meinen Augen zerriß, ich kann Eure Rede nicht begreifen, obgleich sie mir wohltut, und Euren Kranz nicht annehmen, obgleich er meine Stirn freundlich deckt.
Bei diesen Worten wollte er den Kranz vom Haupte nehmen, aber Primula hinderte ihn daran mit den Worten:
Er sitzt so fest auf deiner Stirn wie ein Sieger auf seinem Siegesrosse, er läßt dir so wohl, als wäre es sein Boden, als hätte er seine Wurzel bis zu deinem Herzen und aus deinem Herzen getrieben; ich leide es nicht, dass du ihn abwirfst. Höre nur, der fremde Herr spricht so ehrlich, wer kann wissen, was Hemkengriper heimlich an dir tat?
Sagt, Herr, wie hießen denn jene Schauspiele, die so große Ehre einlegten?
Vor allen 'Aran und Titus', rief Brandan. Mein erstes Werk, sprach Jan, und fügte die Worte des Titus hinzu:

Lieb' ist hier die fremde Blume,
Die geschlossen bleibt bei Tag,
Sich nur nachts im Heiligtume
Deines Traums erschließen mag.
Liebe ist die fremde Stimme,
Die uns den Gedanken stört,
Daß wir in dem süßen Grimme
Alles andre überhört.
Liebe ist ein schwarz Gewitter
In der klaren Frühlingsstund',
Glücklich ist der junge Ritter,
Dem ihr Blitz verschließt den Mund.
Denn es bleibt in ihm verschlossen
Ihrer Augen Wunderlicht,
Himmelstrahlen sind Genossen,
Und den Donner hört er nicht.
Oh, nun weiß ich erst, rief Brandan, wie das gesprochen sein will, hundertmal bin ich in der Stelle beklatscht worden, und immer mit Unrecht. Gewiß, seid Ihr erst unser Direktor, Ihr sollt an mir einen gelehrigen Schüler finden, und wie schön wäre es, wenn Primula es nicht verschmähte, jene herrlichen Frauen uns in Wahrheit zu zeigen, die Jan mächtig in seinen Worten sprechen läßt und für die unsern Schauspielerinnen der Atem gebricht. Glaubt mir, an den wenigen Worten, die ihr vorher abgelesen, erkannte ich eine große Schauspielerin.
O wie schön, sagte Primula und senkte den Blick, es ward mir immer so recht wohl, wenn ich den Leuten so etwas lebhaft vorlesen konnte, und die Mutter schalt mich eine Marktschreierin, eine Komödiantin. Wer weiß, wozu es mir noch nutzt, daß ich mit dieser Liebhaberei geschaffen bin.

Ein heftiger Wortwechsel hatte sich inzwischen am Tische der Versteigerung entsponnen, als Hemkengriper mit der Hilfe seiner guten Bathseba die Geldsäcke dahin geschafft und das Geld aufgezählt hatte.
Das Manuskript hielt er für wohl bewahrt, als er es nicht mehr erblickte, und war daher anfangs nur leicht verwundert, als ihm der eingewickelte Tulpentopf näher gerückt wurde. Nun erblickte er aber die wohlbekannten Schriftzüge dieser Papierdecke, gerade eine seiner scharfsinnigsten Hypothesen, da entfesselte sich sein eingeborener Zorn, und es dauerte lange, ehe der Richter den Grund deutlich verstehen konnte.
Nun sah er wohl den waltenden Irrtum, aber er zeigte auf den Anschlag, auf die Anwesenden, alles bewährte, dass Hemkengriper auf eine seltene Blume und nicht auf eine Handschrift geboten habe. Und als er nun nach dieser fragte und vernehmen mußte, wie sie für wenige Stüber das Eigentum eines andern geworden, da kannte sein Jammer keine Grenzen, dass er nicht bloß seine Gedanken, sondern auch sein Geld verloren habe.
Der ehrliche Hauswirt, der ihn nun zum erstenmal ohne gelehrten Stolz und Hohn in seiner menschlichen Schwäche erblickte, konnte sich des Mitleids nicht erwehren und tröstete ihn mit der Versicherung, dass das Geld mit Primula zu ihm zurückkehre, die diese Tulpe aufgezogen habe und der er auch nicht den kleinsten Abzug für seine Erde machen wolle, in der sie dieselbe auferzogen, noch für sein Wasser, womit sie die Tulpe begossen habe.
Es ist ein abscheulich schönes Ding, diese Tulpe, sagte Hemkengriper mit Abscheu, wie aus buntem Papier von einem Kinde geschnitten, die hätte ich nicht erschaffen mögen.
Fernher blickte inzwischen Bilderdik mit Sehnsucht nach der Blume, konnte sich endlich nicht länger halten, gesellte sich zu Brandan, der dieser Unterhaltung nähergestanden hatte, und sprach zu Primula, woher sie die Zwiebel zu dieser Tulpe erhalten und ob vielleicht da noch eine zu bekommen wäre. Aber beides gewährte ihm keinen Trost; denn Primula berichtete ihm, wie ein schiffbrüchiger Matrose, der einen Hering sich geben lassen, über Zwiebeln sehr ergrimmt gewesen wäre, die er in sauberem Kästchen aus dem Meere gerettet habe und die nun nach gar nichts schmeckten. Sie habe diese für Tulpenzwiebeln erkannt und ihm Eßzwiebeln in Tausch angeboten, aber leider sei nur noch diese eine übrig gewesen.
Ich gäbe noch tausend Pfund mehr, sagte traurig der Kaufmann, hätte ich mich nur nicht abschrecken lassen, ich kann solchen Verdruß nicht überleben. Brandan umfaßte ihn teilnehmend und führte ihn fort, damit der Anblick des Blumengartens ihn nicht gänzlich niederschlage und zerstöre.
Eben traten nun Hemkengriper, Agnes und Bathseba zu den beiden Liebenden, um ihnen zu beweisen, dass die Blumen so wenig wie die Bäume in den Himmel wachsen, dass der Himmel auf Erden keinen Platz hat und sich deswegen nicht für die Dauer darauf niederlassen kann.

Agnes fragte Jan, wie er sich erdreisten könne, so vertraulich Hand in Hand mit Primula vor aller Welt zu prangen, die Hemkengripers Verlobte sei und bleibe. Hemkengriper machte der armen Primula Vorwürfe, wie sie des Ringes vergessen könne, der sie verbinde. Primula rief verwundert:
So ist das alte tolle Weib wirklich ein Mann geworden!
Jan sprach fest, aber bescheiden von seinen früheren Rechten, und dass er Primula, wie ihm Brandan versichert, durch seines Geistes Werke jetzt auch ernähren könne. Hemkengriper wies das mit Stolz zurück und sagte:
Du bist ein Mann von nichts, ich aber bin ein Mann von hunderttausend Dukaten, aber was mehr sagen will, du kennst dein Versprechen, nicht zu heiraten, als ich dich aus Todesnot befreite, du hast der Primula entsagt.
Jan wandte ein, daß nicht er, sondern Primula ihn befreit habe, aber Hemkengriper zeigte auf den Ring, den er Primula angesteckt hatte und der zu fest den Finger umschloß, als dass sie ihn losreißen konnte; dann rühmte er die Nacht, die er bei ihr zugebracht, indem er Primula ausforderte, ihm diese Nacht abzuleugnen.
Primula errötete aus Ärger und schwieg aus Stolz, während Jan sie und den Ring abwechselnd anstarrte und erblaßte. Schon wollte Hemkengriper triumphierend ihre Hand ergreifen, da trat Bathseba zwischen beide hin und sprach: Schämt ihr Euch nicht, gelehrter Herr, vor der Jugend, die ihr mit Eurer bösen Lust kränkt?
Seht das gleiche Alter, was sie vereinet. Warum sollte ich Euch länger schonen, wie ich nur zu lange getan?
Ihr wißt nicht, wen Ihr kränkt, denn noch ahndet Ihr nicht, dass dieser liebe junge Mann Euer Sohn ist.

Sohn, Sohn, sprach Hemkengriper, ich weiß von keinem Sohn.
Leset da dieses Taufzeugnis! Die verlassene Mutter, die Ihr durch solchen Ring ins Verderben führtet, mußte dieses arme Kind verheimlichen und bei fremden Menschen unterbringen, weil Ihr sie sonst gänzlich zu verstoßen drohtet. Hört, ihr Leute, wer ihm nach solcher Bosheit noch trauet, der verdient solches Elend, wie die Mutter des jungen Mannes erfahren hat. Ist er mein Sohn, antwortete Hemkengriper grimmig, so habe ich um so mehr Rechte auf ihn, und mein Befehl muß ihm gelten, dass er allen Ansprüchen auf Primula entsagt.
Alte Sünden sind abgebüßt, ich scheute den bösen Ruf vor der Welt, und Ihr habt meinen Ruf jetzt schonungslos vernichtet und seid meines Dienstes entlassen, obgleich ich wohl von Zeit zu Zeit aus Milde für Euch etwas aussetzen will. Gedenk, Jan, an deinen eigenen Vorteil. Ich erziehe dich zu etwas Großem, du arbeitest für mich fleißig, obgleich nicht in meinem Hause, ich gebe dir reichliches Auskommen, ich gebe deine Tragödien heraus mit Vorrede und Nachschrift; was ist dagegen der Beifall der Menge? Fort, Bathseba, fort, aus meinen Augen, du ermunterst sonst den Burschen zur Empörung gegen seinen Vater. Fort, fort, rief die alte Agnes, die ist ärger wie eine Hexe und verdiente zu brennen, für Jugendsünden vergißt der Himmel die Zeche, aber Altersbosheit steht in der Hölle mit doppelter Kreide angeschrieben.
Die alte Bathseba trat verlegen einen Schritt zurück, und Jan sah sich bezwungen von seinem gegebenen Wort, von väterlicher Gewalt, vom Argwohn gegen die Geliebte. Aber so gut oder so schlecht, als es der Mensch in seinem Jammer und in seiner Freude sich denkt, kommt es nie in der Welt, und wenn die Not am größten, ist der Retter am nächsten.


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