Brandan hatte längst mit seinem scharfen Gehör die ganze Unterredung behorcht, während er nur mit Bilderdik beschäftigt schien. Er schlug jetzt das Heft auf, wo er es eingekniffen hatte, ergriff eine gestopfte Pfeife und las daraus vor sich: Was ist ein Deus ex machina? gewiß muß dies ein Perpetuum mobile sein.
Herr, meine Ideen, rief Hemkengriper, das ist meine Handschrift. Kalt wies ihn Brandan von sich, riß in das Blatt und näherte sich der ausgestellten brennenden Lampe. Halt, halt, rief Hemkengriper flehend, alles nehmen Sie, werter Mann, einst auch mein Zuhörer, nur kein Blatt von diesem Denkmale meines Geistes und meines Fleißes.
Was können Sie mir bieten? fragte Brandan. Hunderttausend Gulden, schrie Hemkengriper.
Lumperei, antwortete Brandan, ich war nicht vergebens zehn Jahre in Indien, Geld hat für mich keinen Wert.
Aber ich habe so meine Grillen, ich will Menschen beglücken. Sollen sich die beiden da, der Jan und die Primula, nicht heiraten?
Ich verlange es! Bei diesen Worten riß er etwas weiter in das Blatt.
Gern, gern, noch heute, mein Segen über Euch, rief Hemkengriper, nur dies Buch, dies Buch sei mein!
Und diesen Blumentopf soll dieser ehrliche Mann, Herr Bilderdik, nicht erhalten, der noch tausend Pfund mehr bietet? fuhr Brandan fort. Diese und alle Blumen, die ich in meinem Hausgarten besitze, sprach Hemkengriper erleichtert. Und die alte Bathseba sollte für die Treue, die sie Euch und Eurem Sohn erwiesen, ausgejagt werden? fuhr Brandan fort. Nein! Heiraten müßt Ihr sie, denn eigentlich könnt Ihr gar nicht ohne ihre Sorgfalt leben und bestehen. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so waren das Mutterblicke, die sie Jan zuwandte, sie ist die Mutter des hochgefeierten Jan Vos, der Euch mit seinem Ruhm über die Wogen der Zeit erheben und flott erhalten wird.
Ja, heiratet sie des Sohnes wegen und wißt, kein Name ist jetzt in Holland so hoch verehrt wie dieser Eures Sohnes,
der Vondel stürzte mit dem ersten Anklange seines Geistes. Er ist der Schöpfer unserer Bühne, er werde ihr Regierer, ihm übergebe ich den Herrscherstab, und ihr gebt ihm dazu das Blumengeld.
Hemkengriper wollte sich besinnen, aber die Feuerprobe drängte; endlich rief er entschlossen:
Ihr habt mir nur vorgegriffen, doch was ich Euch bewillige, war längst ein Plan in mir. Ich habe Jans Werke in die Welt gefördert, ich habe mein Wort gegen Vondel erfüllt. Nun wohlan, ich habe mich nur verstellt, ich habe euch prüfen wollen, junge Leute, bleibt einander in den Theaterverführungen treu, Ihr tretet in ein lockeres Leben. Dir, Bathseba, brauche ich keine Warnung einzuschärfen, du wirst nun Hausfrau und bleibst in allem wie bisher.
Da, Herr, nehmt Eure Blume und zahlt Euer Geld, Jan mag's als Vorschuß für die neue Bühne erhalten,
jetzt her mit dem Manuskript, oder ich vergreife mich an Euch.
Soll ich hier schließen? Will jemand von den Liebenden etwas wissen?
Wohl ihnen, sie haben schwere Prüfung gut bestanden und eilen vermählt mit Brandan und Bilderdik, mit Icarus und Tulpe nach Amsterdam zur Beifallsernte, denn dass Primula bald als erste Schauspielerin die Werke Jans verherrlichte und verweiblichte, wer hätte das nicht aus ihrem ganzen Wesen geahnet, besonders aus ihrer Art, wie sie ihn befreite? Brandan fand sich getäuscht in seiner Hetzerei gegen Vondel. Nur im Verachten aller übrigen konnte er seinen Einen ehren, ja es war noch zweifelhaft, ob er nicht eigentlich nur bewundere, um verachten zu können. Ganz anders war Jan Vos gesinnt, der ein Bewunderer Vondels wurde, seit er seine Stücke gelesen, endlich auch sein Freund, als sein Eifer die Eisrinde des alten Mannes geschmolzen hatte. Mit geschickten Änderungen brachte er wieder den Gisbert, ein Stück Vondels, auf die Bühne, das seine Jugendarbeiten mit Unrecht verdrängt hatten.
Das alte schlechte Zeug spiele ich nicht, sagte ihm Brandan bei der Probe,
sollen wir wie die Krebse rückwärts gehen, so gehe ich lieber ganz ab vom Theater!
Jan kannte schon die launenhafte Schwäche des Freundes, die sich gern für Stärke ausgab, er ließ sich nicht schrecken. Ich möchte doch nicht gern, sagte er, die Rolle dem Hope übergeben, sie kann den elenden Lärmmacher auf einmal zur höchsten Gunst des Publikums erheben.
Nein, bei Gott, rief Brandan, lieber will ich mir den Rest Begeisterung an den Vondelschen Versen ausquälen, ehe ich den sinnlosen Schreier durch meinen Abgang erhebe. Vondel ist mein Feind nicht, er ärgert mich nur, weil ich dich kenne, weil er durchaus veraltet ist, weil er dir gewiß schaden wird, obgleich du sein Wohltäter bist.
Es ist die erfrorne Schlange der Fabel, er hat einen Giftzahn und eine Klapper, beides gehört zum Handwerk und beides fehlt dir. Jan seufzte: Freilich, die Welt ist anders, als sie auf dem einsamen Zimmer erscheint,
und unsre Verse,
was sind sie mehr als ein Taktklappern im Ohre dämlicher Handelsdiener und trunkener Matrosen, die unsern Ruhm gründen und verbreiten? Doch sind wir Poeten noch ein wenig besser dran als ihr Schauspieler. Mag unsre Arbeit dem Zufalle hingegeben sein, wer eben Geld hat, um das Schauspiel zu besuchen, mag es der Menge, die im eignen Gestank nicht riechen kann, einerlei sein, ob der Herd von Zedernholzflammen oder von Torfglut leuchtet; mögen wir also so gut wie ihr für die Gegenwart allen Zufälligkeiten hingegeben sein, die Reichtum und Roheit herbeiführen, uns bleiben doch in der Gegenwart einsame Leser, die den frischen Frühlingsduft der Blumen von dem Geruch der abgezogenen Wasser zu unterscheiden wissen; dann gibt es eine Zukunft beim Büchertrödler, die unsre Werke zur rechten Zeit in die rechte Hand gibt. Für uns beide gibt es aber ein tröstendes Bewußtsein, dass in den Menschen, die unbekannt, viel Besseres lebte, als was je der Ruhm in uns verherrlichte oder schnöde Gleichgültigkeiten
fortstieß, wir kommen einst zu ihnen in gute Gesellschaft. Was wir schaffen, gehört es uns? Ist es nicht ein Vorschuß, den wir der Welt darreichen von einem Kapital, das endlich allen zuteil wird, weil alle gleichen Anspruch daran haben? Du nennst Vondel veraltet! Nichts ist alt oder neu in der Kunst, sie hat keine Zeit; was in ihr lebt, das lebt mit gleichem Rechte. ich sollte ihm zürnen, weil er auch etwas Eigenes schuf? Wird eine Frau andere Frauen um ihre Kinder beneiden, wenn sie ihre eignen liebt? Möchte auch die mutigste alle Kinder geboren haben und gebären wollen, welche die Welt durchspielten, und sie künftig verjüngen? Denke dir, Vondel hätte vor hundert Jahren gelebt, wie wenig bliebe übrig von all dem Tadel seiner Werke, der dir jetzt das Lesen verbittert und dich zum Widerspruche gegen ihre Aufführung reizt?
Hast du nicht Hemkengriper und Zahnebreker so gut gekannt wie ich, wie sie einander in jeder Richtung störten, ihre großen Anlagen vernichteten?
Neid und Haß sind verzehrende Gewalten, denen sie ihre unglückliche Vaterstadt und sich selbst opferten.
Um diese Schlußworte zu erklären, muß aus der Chronik der Stadt Leyden nachgetragen werden, dass in diesem 1635sten Jahr nach Christi Geburt 22000 Einwohner an der Pest starben. Auch Hemkengriper und Zahnebreker fanden darin ihren Untergang. Strohmel erzählt im achten Band seiner Nebenstunden, dass ein griechisches Manuskript (eben jenes, warum er den Griechen in vorstehender Geschichte aufsuchen ließ), aus welchem er Zahnebreker in Hinsicht mehrerer Konjekturen zu widerlegen hoffte, dieses Pestübel ihm einimpfte, weil er in seiner Schadenfreude jede Vorsicht von sich wies, obgleich es auf einem verpesteten Schiffe angekommen, nach der Vorschrift, erst durch Essig gezogen werden sollte. Seine Aufwärterin, die schon Pestkranke gesehen, erkannte das Übel sogleich an ihrem Herrn, aber er gebot ihr Stillschweigen.
Feierlich ließ er Zahnebreker Versöhnung antragen, der nach seinem offenen Wesen sie augenblicklich annahm und ihn nach der Dule einladen ließ. Beim feierlichen Versöhnungsfeste auf der Laubhütte der Dule umarmte ihn Hemkengriper und verpestete ihn mit seinem ersten Friedenskusse so erfolgsicher, dass beide fast in einer Stunde starben. Ihnen folgte die halbe Stadt, erst leidtragend, dann sterbend, und nur wenige ahneten, dass ihnen dies Verderben aus dem Hasse zweier Gelehrten hervorgegangen.